Gedanken zum Volkstrauertag

Gedanken zum Volkstrauertag

Eine Rede von Bürgermeister Simon Herda und Prädikantin Silke Hars , Kirchengemeinde Seth-Stuvenborn-Sievershütten

Heute ist Volkstrauertag. Ein Tag zum Seufzen. Zum Seufzen darüber, dass Menschen, Menschen töten.

Dass es Kriege gab und gibt. Seufzen über die vielen Toten der Weltkriege. 17 Millionen im 1. Weltkrieg und 60 Millionen im 2. Weltkrieg.

60 Millionen! Russen, Amerikaner, Engländer, Franzosen und so viele andere Völker. Dann in den Vernichtungslagern: Juden, Sinti und Roma, Homosexuelle, Kommunisten, bekennende Christen. Kinder, Frauen, Männer. Seufzen bis heute, denn das Kriegführen nimmt kein Ende. Im Gegenteil.

Es begleiten uns ja seit Jahrzehnten Abend für Abend in den Hauptnachrichten Kriege. Kriege, in die auch Deutschland irgendwie verwickelt war und ist. Der Krieg gegen den Irak Anfang der 90er Jahre, der Bürgerkrieg in Exjugoslawien und der Zerfall dieses Mehrstaatensystems, der erneute Angriffs-Krieg der USA gegen den Irak Anfang des Jahrtausends, der Bürgerkrieg in Syrien, die nicht enden wollenden militärischen Auseinandersetzungen in Palästina. Der Krieg in Afghanistan. Die terroristischen Anschläge.


Der Volkstrauertag dient dem Gedenken an die zahllosen Opfer der Kriege und der Gewaltherrschaft im 20. Jahrhundert. Können wir heute überhaupt verstehen, was in den Männern vorgegangen ist, die damals in den Krieg ziehen mußten und was sie heute noch bewegt? Völlig nachempfinden kann man das Erlebnis des Krieges in all seiner Brutalität, seiner unmittelbar zuschlagenden Gewalt, die Todesangst und das blutige Sterben des Bruders an der Seite wohl nur, wenn man selber dabei gewesen ist.

Erich Maria Remarque schreibt in seinem Buch “Im Westen nichts Neues“:

“Während unsere Lehrer noch schrieben und redeten, sahen wir Lazarette und Sterbende; - während sie den Dienst am Staate als das Größte bezeichneten, wussten wir bereits, dass die Todesangst stärker ist. Wir wurden darum keine Meuterer, keine Deserteure, keine Feiglinge - alle diese Ausdrücke waren ihnen ja so leicht zu Hand -‚ wir liebten unsere Heimat genauso wie sie, und wir gingen bei jedem Angriff mutig vor; - aber wir unterschieden jetzt, wir hatten mit einem Male sehen gelernt. Und wir sahen, dass nichts von ihrer Welt übrig blieb. Wir waren plötzlich auf furchtbare Weise allein; - und wir mußten allein damit fertig werden“.


Es gibt Männer, heute über 80, die wachen manche Nacht auf: schreiend, von schrecklichen Träumen aufgeschreckt. Bilder des Krieges, die sie nicht abschütteln können, die sie plötzlich überfallen wie aus dem Hinterhalt.

Manchmal werden diese Träume sogar häufiger im Alter, weil die Kraft der Seele zur Abwehr schlimmer Erinnerungen abnimmt oder weil man das Leben noch einmal durcharbeitet, bevor es zu Ende geht..

Da ist sie wieder, die schreckliche Situation, das brutale Bild. Man kann sich nicht dagegen wehren. Eine seelische Wunde. Viele von den Kriegsteilnehmern sind traumatisierte Menschen, schwer verwundet an ihrer Seele, nicht nur am Körper.

“Eine Generation vom Krieg zerstört - auch wenn sie den Granaten entkam“, so Erich Maria Remarque.


Als sie heimkehrten - vielleicht erst später aus Kriegsgefangenschaft, konnten sie es nicht erzählen, wollten es wohl auch nicht, denn sie wollten vergessen. Oder aber es war niemand da, der davon hören wollte. Wiederaufbau war angesagt, jeder hatte mit sich selbst zu tun, wollte die Vergangenheit hinter sich lassen.


Volkstrauertag heißt der heutige Tag - zu Recht, nicht mehr Heldengedenktag. Denn es gibt keine Helden, nur verletzte Menschen. Und das auf allen Seiten. Trauer ist angesagt, das ist das einzig angemessene Sich-Verhalten angesichts der 55 Millionen Toten des 2. Weltkriegs, der ungezählten Millionen von Toten und seelisch verwundeter Menschen dieses an Kriegen reichen vergangenen Jahrhunderts.

Wir sehen ihr Leben und ihren Tod und verneigen uns vor ihrem Schicksal.

Und gleichzeitig gilt, dass viele von diesen Toten dem verbrecherischsten Krieg dieses Jahrhunderts gedient haben. Es darf nie wieder so etwas geschehen! Krieg ist Unrecht.

Erst über den millionenfachen Gräberfeldern nach dem zweiten Weltkrieg machen dann alle christlichen Kirchen dieser Erde dieses Gelöbnis: Krieg darf um Gottes Willen nicht sein. Um Gottes Willen. So formuliert die Gründungsurkunde des Ökumenischen Rates der Kirchen. Um Gottes Willen. Nie wieder Krieg. Diese Sätze haben unsere Eltern, die den Krieg erlebt hatten, uns eingehämmert.


Was sage ich meinen Kindern? Sie fragen angesichts der russischen Aggression in der Ukraine. Was sage ich ihnen als Christ. Was sage ich einem jungen Menschen, der sein Leben noch vor sich hat. Welche Welt wollen wir unseren Kindern und Enkeln hinterlassen? Ich denke, jede Familie in Deutschland hat – so wie ich – da eine ganz eigene Geschichte zu erzählen. Und jede Familie in Deutschland hat dieses "Nie wieder Krieg" tief in die Wachstumsfugen des Bewusstseins eingegraben.

Es sterben Menschen unter den Einschlägen ihrer Granaten, es sterben tausende junge Soldaten, Kinder noch, denen gesagt wurde, sie würden ein Land befreien und die erwartet hatten, die Ukrainer würden sie mit Blumen empfangen. Grenzenlose Zerstörungswut. Auch das gehört zu Menschen, und es ist unserer menschlichen Rasse wohl nicht auszutreiben.


Jesus hat sein Leben, seine Predigt und seinen Traum vom Reich Gottes als Erfüllung dieser Friedenvision verstanden. Der Mann, der keine Gewalt ausüben wollte über andere, ist gewalttätig gestorben. Und dennoch: Er hat uns sein Vermächtnis hinterlassen und ein Versprechen:

Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch. Nicht gebe ich euch, wie die Welt gibt. Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht. (Johannes 14,27)


Was können wir tun, um unseren Traum vom Frieden nicht völlig zu verraten? Wir als Bürger und Bürgerinnen können da nur wenig, aber Wichtiges tun. Wir wollen in unserer öffentlichen Sprache keine Feindschaften vorantreiben. Wir wollen entfeinden. Wir wollen in unseren Begegnungen mit den Frauen und Kindern aus der Ukraine die Furcht und den Hass nicht vertiefen.


Wir wollen dem Frieden dienen: Das bedeutet: nie vergessen, dass auf beiden Seiten des Krieges Menschen agieren. Auch der Gegner ist ein Geschöpf Gottes. Wir wollen festhalten: Das Schweigen der Waffen wäre noch kein Frieden. Frieden ist nicht einfach das Gegenteil von Krieg. Die Friedhofs-Stille ist kein Frieden.


Wir lernen in diesen Tagen, dass Frieden unter den Menschen und Völkern Entschlossenheit verlangt Klugheit und Mühe… Aber der von Menschen gemachte Friede, er ist immer gefährdet und kann zerstört werden. Der Frieden aber, der ein Geschenk Gottes ist, der will Platz nehmen in unserem Herzen – ganz egal, wie die Welt brüllt. Der will uns eine unzerstörbare Richtung geben für unser Reden und Handeln. Wie heißt es doch in jedem christlichen Gottesdienst? Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft bewahre unsere Herzen und Sinne – in Christus Jesus.


Amen.






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